Dorothee Robrecht
Journalistin
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Interview mit Baruch Gottlieb
zu seiner Medieninstallation "Dienst" - No art without army :: Wohnlabor Berlin 2010

Die Medieninstallation "Dienst" zeigt computergenerierte 3D-Portraits eines Soldaten in deutscher Uniform, zu sehen auf zwei großen Videomonitoren. Flankiert werden die Monitore von einem Schlagbaum aus Holz, Stahl und Beton. Der uniformierte Soldat rezitiert jene Passagen des Grundgesetzes, die das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit garantieren.

Der Protagonist Ihrer Videoinstallation "Dienst" ist ein deutscher Soldat - welche Rolle spielt seine Nationalität?

Deutschland bzw. das Grundgesetz, das Deutschland sich gegeben hat, ist vorbildlich aus meiner Sicht, sicher auch deshalb, weil man sich hier sehr mit der Vergangenheit beschäftigt hat und mehr als vielleicht anderswo versucht hat, aus ihr zu lernen. Insofern ist das, was dieser Soldat tut, erst mal etwas sehr Positives.

Der deutsche Soldat als Lichtgestalt?

Nein - schönzeichnen will ich die Geschichte nicht. Für den Schlagbaum zum Beispiel habe ich einen der Schlagbäume, wie sie in Ausschwitz standen, als Modell genommen. Aber der Soldat im Videoporträt steht für ein sehr aktuelles Dilemma, für die problematische Symbiose zwischen einer hegemonialen Kommandostruktur, wie sie Sicherheitskräfte haben, und einer Zivilgesellschaft, die Schutz braucht, aber auf freier Entfaltung der Persönlichkeit beruht.

Warum "new media art" als Darstellungsform dieses Themas?

Weil ich Medienkünstler bin und weil "new media art" Zusammenhänge oder Korrespondenzen offenlegen oder sogar spiegeln kann. Computer spielen eine ganz wesentliche Rolle in der Produktion von neuer Medienkunst, und Computer transformieren auch die Gesellschaft - jeder kann jeden kontaktieren, frei sein und machen, was er will. Eine sehr schöne Oberfläche, die aber vergessen lässt, was passiert auf der anderen Seite des Bildschirms. Das Wort Schirm sagt es schon, etymologisch bedeutet es Schutz - Schutz davor, wahrnehmen zu müssen, was sich jenseits des Bildschirms abspielt. Und ich versuche, genau das zurück zu holen vor oder auf den Schirm.

06 | 2010

 

Dazu auch der Blog von Baruch Gottlieb:

30.04.2010

Neue Medien sind immer politisch: Eine Einführung in meine Installation "Dienst" im Wohnlabor Berlin, 20.03. - 15.05.2010. Englische Version: All New Media is Poltical

Politik ist im Grunde Wirtschaft. Wenn alle Menschen zufrieden wären mit ihrer wirtschaftlichen Lage, gäbe es Politik in der Form, in der wir sie heute kennen, nicht.

Neue Medien sind politisch, egal, was auf dem Bildschirm zu sehen ist oder aus den Lautsprechern tönt. Digitale Medien subsumieren und integrieren globalisierte Voraussetzungen, die durchdringen, was auch immer wir ästhetisch wahrnehmen. Diese globalisierten Voraussetzungen sind internationale Produktionsstandards, globale Rohstofftransporte und Verwertungsketten, internationale Handelsverträge, also all das, was die Welt der Unternehmen ausmacht, verwaltet durch lokale, nationale und supra-nationale Politik.

Daher ist Kunst aus Neuen Medien ein Bereich globalisierter Wirtschaft und als solcher auch ein Bereich der Politik, was niemanden überraschen oder irritieren sollte. Vertraut als Vertreter dieses Bereichs ist der Mann oder die Frau in der Uniform von Armee oder Polizei. Die Uniformen subordinieren die zivile Individualität ihrer Träger, die zu anonymen Verkörperungen, zu physischen Manifestationen des GESETZES werden. Die Sprache des Gestzes gibt die Struktur der Gesellschaft vor, die der Kontext ist, in dem Medienkünstler arbeiten. Ob national oder supra-national, es gibt keine neue Medien Kunst ohne Soldaten, so wie es keine Sprache ohne Grammatik gibt.

Meine Arbeit und mein Vortrag versuchen, eine Symbiose zwischen künstlerischer Freiheit und politischer (militärischer/polizeilicher) Ordnung im Konzept der Avantgarde zu erhellen. Der Ausdruck "Avantgarde" entstammt dem Sprachgebrauch des Militärs, für Soldaten an der Front, die man opferte, um den Feind dazu zu bringen, sich zu zeigen. Posthum hat man diese Soldaten-Avantgarde dann mit einem Glorienschein umgeben, dafür, dass sie sich opferten im Dienst der Nation. Genauso ist es letztlich bei Avantgarde-Künstlern: bei aller verzweifelten künstlerischen Intensität sind sie Eiferer im Dienst der Hegemonien, die sie nähren.

Wer nach radikalen Alternativen sucht zur Abhängigkeit zeitgenössischer industrialisierter Kultur von Hegemonien und der Gewalt interner und externer Politik, sollte das Konzept einer Avantgarde hinter sich lassen und eine Ästhetik eines "Baisser la garde", eines die Garde Herunternehmens ausprobieren.

Diese Ausstellung stellt die öffentliche Materialisierung des Versuchs dar, die gegenwärtige Symbiose zwischen den Kräften politischer Ordnung und denen künstlerischer Spontanität als funktionierenden Mikrokosmos nachzubilden. Es handelt sich um eine dreidimensionale philosophische Konkretisierung der oben genannten Theorie mit Mitteln der Neuen Medien.

 

01.05.2010

Baisser la Garde!! Für eine wirkliche Demilitarisierung der Kunst (artist talk im Rahmen der Ausstellung Dienst). Englische Version: Baisser la Garde!!

Eine Kunst ohne Gewalt
Eine Kunst ohne Unterdrückung
Eine Kunst ohne Tyrannei
Eine Ästhetik des Langweiligen?

Gewalt, Unterdrückung, Tyrannei? Bitte nicht im Alltag, außer vielleicht in der Kunst. Was Kunst angeht, genießen und wollen wir das Manipuliertwerden durch Künstler, das Kontroliertwerden durch Kunst. Kunst ist eine gute Ausrede, sich von bürgerlichen Verantwortlichkeiten zu erholen und sich einer höheren Macht hinzugeben. Jede Ausrede ist willkommen, denn letztlich wissen wir, dass wir keine wirkliche Freiheit haben. Freiheit gibt es nur in einem Korsett von Regeln. Und mehr noch, frei sind wir nur, wenn wir so frei sind, nicht frei zu sein, wenn uns danach ist, also Verantwortung zu delegieren, anderen zu erlauben, die meisten Entscheidungen an unserer statt zu treffen.

99% der Zeit wollen wir keine Demokratie, wir wollen Demokratie nur in dem 1% der Zeit, wenn wir sie wollen, ansonsten möchten wir nicht behelligt werden mit der Funktionsweise des Staates; informiert werden, das wollen wir vielleicht, aber nicht verpflichtet werden dazu, demokratisch zu agieren.

Aber wir müssen frei sein, um unsere demokratische Macht in diesem 1% der Zeit zu nutzen, wenn wir das so wollen. Eine Gesellschaft, die uns erlaubt zu entscheiden, wann wir unser Recht auf Freiheit wahrnehmen möchten, nennen wir demokratisch.

Trotzdem glauben wir, dass Kunst frei sein kann und uns frei macht. Obwohl alle Kunst von Strukturen abhängt, die nicht frei sind. In dieser Installation haben wir die Soldaten, die den Platz schützen und bewachen, den die Kunst bzw. ihr freier Ausdruck braucht, sogar wenn es um ein antisozisales Statement geht - auch dieses kann sich überhaupt nur als antisozial ausgeben in dem metasozialen Kontext eines hegemonial geschützten Ortes, der die Darstellung des Antisozialen als Generator/Quelle von Kunst oder Kultur akzeptiert.

Avantgarde, dieser Begriff enstammt der Armee, den Angriffslinien im Krieg. "Garde", bewachen, schützen und vorantreiben. Die Avantgarde ist per definitionem das kolonisierende Vehikel unserer humanistischen Agenda: sie dringt bis in die entlegensten Winkel der Welt vor, unterbricht oder de-legitimisiert traditionelle und fremde Strukturen, infiltriert alles mit unseren Vorstellungen von Gut und Böse, unseren Werten.

Die Avantgarde definiert die Freiheit der zukünftigen Hegemonie unseres kulturellen Herrschaftsgebiets, sie stellt deren Werte nicht grundsätzlich in Frage, sie erneuert und renoviert sie. Die Avantgarde in der Kunst des Westens ist die koloniale Agenda dessen, was wir heute Globalisierung nennen.

"Dienst", die hier ausgestelltene Medienkunst, ist nicht Avantgarde. Das ist schwieriger als es scheinen mag, denn 99% aller Medienkunst existiert, um mehr Computer, Bildschirme, Kabel, Speicher, Elektrizität u.s.w. zu verkaufen, die ganze automatisierte Lebensweise eines erweiterten Bewußtseins, die wir in der entwickelten Welt gelernt haben zu erwarten, als so genannten "state of the art". Es ist nicht so, dass "Dienst", diese digitale Medien nutzende Arbeit, vorgibt, gegen neue Medien zu sein, was albern wäre, aber es ist eine Arbeit, die gemacht wurde mit der Absicht einer produktiven Entschleunigung des techno-globalistischen Molochs.

Baisser la Garde, das Sinkenlassen der Waffen, das uns erlaubt, extrem langsam all die winzigen Eruptionen und Kettenreaktion zukünftiger und noch undefinierter Vergnügen und zwischenmenschlicher Verbindungen zu erleben, die sich ergeben könnten, wenn wir für uns einen kleinen entschleunigten Ort herausschnitzen, in dem das Vergnügen am Gegenwärtigen, so inkohärent es auch ist, zugänglich wäre.

Ranciere beschreibt die Moderne in Politics of Aesthetics als "den Versuch, klare Unterscheidungen in der komplexen Konfiguration des ästhetisches Regimes der Künste zu ziehen". Das digitale Zeitalter bringt nicht Post-Post-Moderne mit sich, sondern Hyper-Moderne, eine Intensivierung der kategorisierenden Agenda der Moderne. Die augenscheinliche Interdisziplinarität der digitalen Meduen enthüllt nur den Vorrang des "state of the art" vor alten künstlerischen Praktiken. Die in Sekundenbruchteilen erfolgende Kalkulation und Korrelierung höchst sorgfältig kategorisierter Facetten eines Phänomens führt zur Illusion von Interdisziplinarität, aber der Sache nach ist es Hyperdisziplinarität.

"State of the art" ist die militärische Avantgarde gleichermaßen angewandt auf fremde Gegner und die zivile Gesellschaft. Baisser la Garde, durch das Einführen der Figur des Soldaten, dieser menschlichen Manifestation der staatlichen und für die Kunst so wichtigen und zentralen Hegemonialstruktur, zielt auf die Schizophrenie zeitgenössischer Staaten, die ungerechte Kriege führen, um humnistische Werte zu propagieren. Es ist eine Anerkennung der gegenseitigen Abhängigkeit, der organischen Symbiose von einer Armee und einer Polizei im Dienst des Schutzes für einen Platz, an dem humanistische Prinzipien der Emanzipation und das Aufblühen von Individualität stattfinden können. Es ist die Manifestation der vorgegebenen, angenommenen und fast unsagbar unfreien militärischen Voraussetzungen und jeder kultuellen Aktivität innerhalb deren Schutzmauern inhärent.

Bei "Baisser la Garde"geht es nicht um Kunst Konventionen, es ist nicht konservativ, es bewacht keine konservativen Traditionen und Werte, "Baisser la Garde" meint ein schrittweises, nicht zu schnelles, fast nicht wahrnehmbares Senken der Waffen, es lässt die Schwäche des Diskurses sehen, es verstopft den Prozessorkern des Computers mit zu viel relevanter Information.

Geert Lovink hat gefragt "Wie die instante Globalisierung der Angst unterminieren? Die Augen und Ohren schließen? Realtime Media hinter sich lassen? Kollektive Rüstungen/Panzer demontieren?" Ich habe geantwortet "DDoS", aber anstelle der üblichen Denial of Service Attacken mit ihren repetitiven Messages plädiere ich für einen Overload der gesellschaftlichen CPUs mit relevanter Information.

Das Problem heutiger Information ist, dass sie zunehmend digital ist, brutale Gewalt, simplistisch, zielorientiert (i.e. hypermodern). Was relevant ist für die Computerisierung der Gesellschaft, muss breiter definiert werden (wenn es überhaupt definiert werden muss). Meine künstlerische Position ist die, eine luxuriöse Informationsökonomie von Ineffizienzen, Brüchen, Kollisionen und Begegnungen anzustreben.

In dieser Installation ist das äußere Wesentliche eingerechnet als notwendiger Vorläufer für die in Deutschland heute produzierte Kunst. Wir brauchen hier Schutz, wir brauchen die harte Schale, so wie wir die harten und strengen Regeln der strukturellen Mechanik brauchen, um die Wände um dieses Ort der Freiheit herum aufrecht zu erhalten.

Die Exquisitheit von Kunst hängt von Regeln ab und von der durch sie limitierten Freiheit. Aber 99% der Zeit strengt man sich nicht an, man bereitet vor, man ruht sich aus. Diese Arbeit schlägt vor, unser Interesse und unsere Wertschätzung für Kultur etwas gleichmäßiger auf die Geschichte ihrer Herstellung zu verteilen. Sie schlägt vor, das überzogene koloniale Renommé einer Kultur, die vorgibt, die Einschränkungen des Bürgers zerstören zu wollen, auf dem Level dessen, was aus ihr aufsteigt, zu bewerten. Es ist eine Ästhetik, die Langweile und Kapitulation als ebenso notwendig auffasst wie die verfeinerte Ausübung hegemonialer Herrschaft.

Landschaftsmalerei auf Leinwand war mal Avantgarde, und dann ist durch die Verfeinerungen und Abstraktionen der Moderne eine Avantgarde von Marktsystemen entstanden. In einer Welt, die eine Kultur der Kreativität verspricht, wird jede marginale Identität - queer, trassexuell, Islam, Favela Chic - sehr schnell zu Avantgarde gemacht. Bei Avantgarde geht es immer darum, neues Territorium zu beanspruchen und zu besiedeln. So gesehen, ist Israel sehr avantgardistisch, wenn es seine Armee mit progressivster französischer (Freiheits)Philosophie ausbildet.

Die Avantgarde schafft eine Welt in Alarmbereitschaft. Die Avantgarde sagt "wir drängen vorwärts, bis uns die ganze Welt gehört", erst am Punkt kompletter Beherrschung der Welt wird die Avantgarde zum Stillstand kommen, weil die Avantgarde ein extern gesteuertes kulturelles Verfahren ist. Daher der Altruismus der avantgardistischen Agenda: sie kämpfen, bis sie überflüssig werden. Und dieser Altruismus ist so zentral, das Bedürfnis danach, überflüssig zu werden, so drängend, dass der Altruismus gar nicht anders kann als maskenhaft zu sein.

Es ist eine Zwickmühle, die gleichzeitig die behauptete gute Absicht der Kampagne etwas befleckt. Wenn das Ziel ist, die Welt mit unserem überlegenen moralischen System zu kolonisieren, sollte das dann nicht mit einem Maximum an Sorgfalt und Sicherheit geschehen, selbst, wenn das auf Kosten der Schnelligkeit gehen sollte?

Der Grund dafür, dass die Entschleunigung technologischer Prozesse ein Tabuthema ist, ist zuerst ein ökonomischer. Wir müssen ökonomisches Wachstum um jeden Preis haben, weil unsere Ökonomien sich über Schulden finanzieren, die uns ständig unter nicht mehr bezwingbaren Schuldenbergen zu begraben drohen.

Pseudo Avantgarde kreiert Schocks, Disruptionen in der Gesellschaft, die enorm profitabel sind. Naomi Kleins Buch "Die Schock Strategie" enthüllt die fundamental ökonomischen Motive einer übereifrigen Avantgarde: "disrumpo et impero".

Wir grinsen und spotten über die Herrscharen von Hipster Lakaien, die aus den Kunstschulen kommen - die Wangen gerötet in jugendlichem Überschwang angesichts ihrer noblen Berufung - und ausschwärmen in die Flughäfen und TV Studios. Die Avantgarde bereitet den Weg für ein konventionelles Leben, also warum muss die Avantgarde beanspruchen, Antithese zur Konventionalität zu sein? Konventionelle Gesellschaft und Avantgarde sind zwei Seiten desselben Organismus, symbiotisch und sympathisierend.

Obwohl ich die Agenda der Avantgarde z.T. teile (und dank Quantum Computing könnte das ineffiziente Computing, für das ich weiter oben plädiert habe, noch die stupendensten und hypnotisierendsten Medien überhaupt generieren), möchte ich das Verleugnen hegemonialer Notwendigkeit angreifen, ein Verleugnen, das vorgibt, nichts mit dem Staat oder der Kultur zu tun zu haben, dem es dient.

Unser Zeitalter ist immer noch eines, in dem sich Kulturen nur respektieren, wenn sie sich bewaffnet und gerüstet gegenüberstehen. Dieses Verleugnen hegemonialer Notwendigkeir gestattet es jedem Staat, Krieg im Namen seiner Kunst und Kultur zu führen. Wir brauchen ein integrales Modell einer fortschrittlichen Gesellschaft, in der das Regime von Militär und Polizei und die Freiheit des Künstlers als Symbiose ausgearbeitet wird.

Jetzt, da in der Stadt die 1. Mai Sirenen zu hören sind, rufen die Punks "fuck the police", obwohl die Polizei genauso Avantgarde ist wie sie selbst. Die Polizei ist die Avantgarde des Lebens, das sie führen, wenn sie essen, im Gegensatz zu dem, das sie führen, wenn sie denken. Man müsste die Waffen senken. Wenn wir eine Welt mit Verständnis füreinander und Kooperation wollen, dann hatten wir genug der "Garde". Lassen wir die Waffen sinken, peu à peu, ganz langsam und vorsichtig.